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Der Delfin-Zensus
Vorsichtig sucht sich ein kleines Boot in einen schmalen Nebenlauf des Amazonas seinen Weg. Rechts und links des Flussbetts ragen die dicht belaubten Wipfel der Bäume noch gerade so aus dem Wasser hervor. Es ist Überschwemmungszeit, mehr als fünf Meter hoch steht das Wasser über dem einstigen Waldboden. Eine Viertelstunde später erreicht das Boot eine riesige Lagune mit fast schwarzem Wasser. Es ist die Lagune Cocará auf der peruanischen Seite des Río Putumayo. Plötzlich springt ein rosafarbener Delfin aus dem Wasser, nur um Sekundenbruchteile wieder in der dunklen Brühe zu verschwinden.

Auf dem Kanu halten alle den Atem an. Es sind Biologen der Fundacíon Omacha, einer regierungsunabhängigen Naturschutzorganisation aus Kolumbien. Für solche Momente sind sie vor Wochen aufgebrochen vom Örtchen Puerto Leguízamo am Oberlauf des Río Putumayo. Das Ziel ihrer Expedition ist das Dreiländereck zwischen Brasilien, Kolumbien und Peru, eines der artenreichsten und ökologisch bedeutendsten Zonen innerhalb des Amazonasbeckens. Ihre Aufgabe ist es, die Flussdelfine aufzuspüren, die Größe und Stabilität ihrer Population abzuschätzen und den Zustand ihres Lebensraums zu erkunden.



Die Delfinzählung - ein grenzübergreifendes Projekt

Die Delfine gelten als Bioindikator. Wo sie vorkommen, sind die Bedingungen auch für andere Tier- und Pflanzenarten in Ordnung. Verschlechtert sich zum Beispiel die Wasserqualität, sind die Delfine die ersten die verschwinden. Seit vier Jahren haben diese Wissenschaftler bereits mehr als 4.200 Kilometer auf den 12 größten Flüssen Südamerikas zurückgelegt, um den Flussdelfinen auf die Spur zu kommen. Mehr als 4.000 mal haben sie dabei die Delfine der drei Unterarten zu Gesicht bekommen, die in den Flusssystemen des Amazonas und des Orinocos vorkommen: den grauen Flussdelfin (Sotalia fluviatilis) und die beiden rosafarbenen Spezies Inia geoffrensis e Inia boliviensis, letzterer kommt nur in bolivianischen Gewässern vor.

Anhand der während aller elf Expeditionen gemachten Beobachtungen schätzt man, dass ca. 40.000 Flussdelfine in der Region leben. Das deutet zwar auf eine gesunde und stabile Population hin. Dennoch ist das langfristige Überleben der Delfine fraglicher denn je. Die Abholzung bis unmittelbar an die Flussufer, die zunehmende Kontaminierung des Wasser mit Schwermetallen – vor allem Quecksilber – durch Bergbau- und Minenbetriebe, die Überfischung, die Jagd auf Delfine und zahlreiche Infrastrukturprojekte entlang der Wasserläufe sind die Hauptursachen für diese bedrohliche Situation.

Aber es gab keine verlässlichen Zahlen, mit denen Wissenschaftler und Naturschutz-Organisationen dies hätten belegen können. Deshalb beschloss man, die wichtigsten Flüsse in Kolumbien, Venezuela, Bolivien, Peru, Ecuador und Westbrasilien abzufahren und verlässliches Material zu beschaffen und eine Strategie zu entwickeln, wie diese Arten langfristig geschützt werden können. Unterstützt wurde das Mammutprojekt unter anderem vom multinationalen World Wide Fund of Nature (WWF). Alle elf Expeditionen und deren Auswertung wurden von Fernando Trujillo geleitet. Hinter dem Zählen der Tiere steckt Methode. Nur so kann die Beobachtungen für ein aussagekräftiges Ergebnis auf den gesamten Projektraum extrapolieren.

Flussdelfine als Galionsfigur für Umwelt- und Naturschutz

Die Hoffnung der beteiligten Biologen und Wissenschaftler, den Delfin als Sympathieträger und Symbolfigur für die Belange des Umwelt- und Naturschutz in der Region zu etablieren, hat sich erfüllt. Heute gibt es bereits einen Aktionsplan zum Schutz dieser Art für ganz Südamerika, Länder wie Bolivien und Kolumbien beginnen in Kürze, die ersten Maßnahmen daraus bereits durchzuführen.

Mittlerweile gibt es – unterstützt von den Regierungen der betroffenen Länder – ein Netz von gut 80 Forschungsstationen zur besseren Erforschung der Lebensräume, in den Siedlungen entlang der Flüsse werden umweltverträgliche Fischereimethoden gelehrt. Auch bei Infrastrukturprojekten und der wirtschaftlichen Entwicklung sollen die Belange des Umwelt- und Naturschutzes künftig stärker berücksichtigt werden. Die derzeit größte Bedrohung für die Delfine hat man aber bisher noch nicht in den Griff bekommen können. Denn noch immer werden die Säuger gejagt, um ihr Fleisch als Köder bei der Fischerei einzusetzen. Diesem Problem wird daher in der Agenda zum Schutz der Delfine ganz besonders viel Raum eingeräumt werden müssen.

Quelle: WWF Colombia
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